Ab 15. Mai startet die Liga ins ›Geisterfinale‹

Der Re-Start der Liga ist beschlossene Sache. Nachdem die Politik am Mittwochnachmittag grünes Licht gegeben hat, wird die DFL ihr Konzept zur Fortführung des Spielbetriebs umsetzen. Am 15. Mai geht es weiter.

Wirklich überraschend waren die Entscheidungen nicht, die am Mittwoch verkündet wurden. Weder der Fall des Kölner Verstraete noch das Live-Video von Berlins Kalou vermochten daran etwas zu ändern. Der FC kam damit durch, den Spieler zu einer halbseidenen Entschuldigung zu drängen, bei Hertha wurde Kalou als bedauerlicher ›Einzelfall‹ betitelt und vom Hof gejagt. Dass das Video genau das Gegenteil zeigt – nämlich dass mehrere Spieler und Vereinsmitarbeiter sich ganz offensichtlich nicht an die Vorschriften halten – wurde unter den Teppich gekehrt. The Show must go on – um jeden Preis.

Die Kritik an den Plänen der DFL hat in den letzten Tagen und Wochen nicht abgenommen. Es gibt genügend fundierte Ansätze, welche die Argumente der Kritiker untermauern. Auf der anderen Seite macht das Konzept schon einen durchdachten Eindruck und könnte funktionieren. Voraussetzung ist natürlich, dass sich die Beteiligten auch an die eigenen Regeln halten. Schon vor dem Kalou-Video waren da Zweifel angebracht.

Aus sportlicher Sicht ist dieses Saisonfinale eine Farce

Aus Sicht des Fußballs gibt es zum Re-Start in der angedachten Form keine Alternative. Ohne die Fernsehgelder, von denen manche Klubs – was übrigens schon seit Jahren gängige Praxis ist – direkt nach dem Eingang zur Tilgung bereits längst in Anspruch genommener Kredite große Teile durchleiten müssen, würde für eine nicht unerhebliche Anzahl von Profivereinen der Gang zum Insolvenzgericht anstehen.

Wer also die Bundesliga in ihrer jetzigen Form und mit Traditionsklubs wie Schalke 04 bewahren will, für den ist eine Fortführung der Saison unumgänglich. Aus sportlicher Sicht ist ein Saisonfinale unter diesen Bedingungen allerdings eine Farce. Neben den ganzen ›Corona-Unwägbarkeiten‹ führen auch die Geisterspiele zu einer völlig veränderten Ausgangslage. Das ›Geisterderby‹ hat gezeigt, dass Profifußball ohne Fans etwas komplett anderes ist, als ein Spiel unter ›normalen‹ Bedingungen. Da muss niemand fabulieren, dass das einem ›zurück zu den Wurzeln‹ gleichkommt und die Spieler halt wieder wie früher auf der Wiese stehen und nur der pure Fußball zählt.

Natürlich sind die Profis in der Lage, im leeren Stadion Fußball zu spielen und Leistung zu bringen. Sie sind allesamt erstklassig ausgebildet und sie funktionieren fast auf Knopfdruck. Aber gerade weil heutzutage die Spieler athletisch und technisch durchgängig auf Topniveau agieren, ist die Psyche immer wichtiger. Nicht umsonst arbeiten Trainer wie Jürgen Klopp, oder eben auch Marco Rose, in diesen Zeiten so erfolgreich. Sie müssen ihren Jungs das Kicken nicht mehr beibringen, sie fangen sie mit ihrer Ansprache ein und begeistern und überzeugen sie von einer gemeinsamen Spielidee. Das funktioniert auch über die emotionale Schiene und dazu gehört natürlich die besondere Atmosphäre in einem Stadion.

Ohne Fans fehlen elementare Bestandteile des Spitzenfußballs

Dass sich der eine Spieler aufgrund der aufgeheizten Stimmung zu irrationalen Handlungen hinreißen lässt, dass der andere plötzlich die Monstergrätsche auspackt und unter dem Jubel der Zuschauer einen unerreichbaren Ball doch noch erobert oder dass ein langer Einwurf in der Nachspielzeit getragen von den Fans so lange durch den Strafraum flippert, bis ihn ein gewisser Igor de Camargo im Tor versenkt, sind elementare Bestandteile des Spitzenfußballs. Ohne die Stimmung im Stadion wäre der eine Spieler roboterhaft cool geblieben und nicht ausgerastet, der andere hätte auf keinen Fall so eine halsbrecherische Grätsche riskiert und ohne die brodelnde Atmosphäre im Borussia-Park wäre der Ball in der Nachspielzeit niemals bei de Camargo gelandet.

Mit den Wettbewerbsbedingungen, unter denen die ersten 25 Spieltage absolviert wurden, wird das ›Geisterfinale‹ über neun Spieltage hinweg kaum etwas gemein haben. Doch weil das Kartenhaus ohne die Fernsehgelder zusammenfallen würde, bleibt nur die Fortsetzung unter diesen unwürdigen Umständen. Was davon zu halten und wie der Fußball künftig zu bewerten und zu gewichten ist, muss jeder für sich ausmachen. Im Moment kann man nur hoffen, dass alle Beteiligten dieses gewagte Experiment halbwegs gesund überstehen.


Original-Artikel erschienen auf TORfabrik.de

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